Warum ADHS keine Krankheit ist – Eine Streitschrift

Kategorien: Psychiatrie/ Psychosomatik und Sonstige.

Titel: Warum ADHS keine Krankheit ist – Eine Streitschrift (1. Auflage)
Autor: Amrei Wittwer
Verlag: S. Hirzel
Link zur Verlagswebsite
Preis: 29,00 EUR
Seitenzahl: 310
ISBN: 9783777627618
Bewertung:

Inhalt

„Warum ADHS keine Krankheit ist – Eine Streitschrift“ ist eine 2019 erschiene Streitschrift der Apothekerin Dr. Amrei Wittwer. Sie forscht seit mehreren Jahren zu den Themen ADHS und Schmerz. Sie war zehn Jahre Oberassistentin der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich.

Was zuerst auffällt ist der polemische Titel des Buches. Spiegelt sich das auch im Text wider oder ist es sachlich neutral abwägend geschrieben.

Und für wen eignet sich dieses Buch? Eignet es sich für Medizinstudenten zur Klausurvorbereitung oder nur für praktizierende Kinder- und Jugendpsychiater?

Das Buch ist in fünf Kapitel unterteilt. Die Autorin beschäftigt sich im ersten Teil mit der Frage wie die Gesellschaft mit ADHS umgeht. Im zweiten Abschnitt wird die Diagnostik der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung beleuchtet. Dabei wird die ADHS-Diagnostik als „psychiatrischer Kunstfehler“ tituliert. Der dritte Abschnitt trägt den Titel „Therapie mit stimulierenden Drogen“ und beschäftigt sich mit der medikamentösen Therapie der ADHS. Dabei wird zuerst eine Einführung in die Welt der Psychopharmaka gegeben, um sich anschließend mit der bekannten Substanz Methylphenidat (Ritalin) auseinander zu setzen. Nachfolgend werden die Nebenwirkungen und Nachteile von Methylphenidat erläutert und abschließend resümiert, dass Methylphenidat eine Droge sei.

Im vierten Kapitel wird die These unterbreitet, dass die Stimulanzien bei ADHS gar nicht wirksam seien. Es wird eine Brücke zu den verwandten Substanzen wie Kokain, Methylamphetamin geschlagen. Dabei wird besonders auf die Geschichte des Methylamphetamin, auch bekannt als Crystal Meth, im zweiten Weltkrieg eingegangen. Pervitin, auch als Panzerschokolade bekannt, bekamen deutsche Soldaten im zweiten Weltkrieg als Aufputschmittel verabreicht.  So sei der Wirkmechanismus von Methylphenidat die „Vergiftung der Nervenzelle“ und die Verabreichung könne nur nach strengster Risiko-Nutzen-Abwägung erfolgen. Im fünften und letzten Kapitel plädiert, die Autorin für einen Paradigmenwechsel weg von der Medizin hin zur Pädagogik.

Die Literaturempfehlungen und -angaben umfassen 47 Seiten mit insgesamt 845 Einzelnachweisen. Die Quellen gehen von Doccheck, über BGH-Urteile bis zum American Journal of Psychiatry.

Didaktik

Dieses Buch ist kein Sachbuch. Es ist auch kein Lehrbuch. Wer hier eine neutrale, wissenschaftliche, pro und kontra abwägenden Schreibstil erwartet, wird enttäuscht sein. Es ist eine durchaus polemische Streitschrift, die klar Stellung zu dem Thema ADHS bezieht.

Die Kapitel werden in Unterkapitel unterteilt. Ein roter Faden ist durchgehend erkennbar. Der Lesefluss ist angenehm. Insgesamt werden viele Fachbegriffe benutzt, die für den Laien womöglich unverständlich sind. Die Argumentationsstruktur ist in sich stringent und logisch aufgebaut. Viele ihrer Positionen versucht die Autorin mit Argumenten aus der Forschung (mit Zitat aus der entsprechenden Studie) zu belegen.

Preis/Leistung und Fazit

Was auffällt, ist, dass die Autorin einerseits sehr viel Wert auf eine ausführliche Recherche gelegt hat, anderseits sehr ins polemische Unsachliche verfällt.

So gut wie jede Aussage wird mit einem Zitat belegt. Die schiere Masse an 845 Zitaten ist beachtlich. Dabei reicht die Auswahl der Quellen von Internet-Lexika über Leitlinien bis hin zu führenden Journals auf dem Gebiet der Psychiatrie. Die Studienauswahl und Zitate, die im Buch dargestellt werden, kann ich nicht abschließend bewerten. Dazu bin ich in dieser Fachrichtung zu wenig bewandert. Auf jeden Fall scheint das Buch gründlich recherchiert und breit aufgestellt zu sein.

Eigentlich hat das Buch großes Potential dieses umstrittene und komplexe Thema Überdiagnostik bei ADHS adäquat zu analysieren. Leider disqualifiziert sich die Autorin mit ihrem polemische tendenziöse Schreibstil, beispielsweise wird ein Psychopharmakon wie Methylphenidat direkt als Droge diffamiert wird und Ärzten (unterschwellig) eine Gewinnmaximierung auf Kosten der Patienten unterstellt. Dies mag für eine Streitschrift durchaus gewollt sein, aber ich hätte mir einen neutraleren Ton gewünscht.

Tendenziös sind zudem die „Angst“-Argumente, zum Beispiel zum Thema Methylphenidat. Da wird eine Nähe von Methylphenidat zu harten Drogen (Crystal Meth) und zum Dritten Reich (Pervitin) propagiert, die allein dazu dienen die Angst vor Ritalin weiter zu schüren.

Um abschließend die Frage vom Anfang zu beantworten. Kann man als Medizinstudent sich mit diesem Buch auf Klausuren, Staatsexamen oder Famulaturen vorbereiten? Nein kann man sich nicht. Dafür fehlt dem Buch die objektiv neutrale Darstellung und eignet sich nicht für etwaige Klausurvorbereitungen. Für wen ich dieses Buch empfehlen kann, sind versierte und interessierte Studenten/Ärzte/Psychologen, die bereits mit der Materie vertraut sind und sich einen alternativen Blick auf die Thematik ADHS wünschen. Allen anderen kann ich dieses Buch nicht empfehlen.